Druckschrift 
Ganztag und Bildungsgerechtigkeit : Ganztag und dessen Auswirkungen auf Bildungsgerchtigkeit aus der Perspektive von beteiligten Akteuren (GanzBiG) : eine explorative Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

5.4 Perspektiven für zukünftige Forschung Die Ergebnisse der Interviewauswertung verdeutlichen, dass zukünftige Forschung verstärkt die langfristige Evalu­ation von Ganztagsangeboten in den Blick nehmen sollte. Besonders die Perspektive der Schüler*innen bleibt bislang in Bezug auf viele Aspekte unzureichend berücksichtigt sei es in der Angebotsplanung, der Rhythmisierung oder in Förderprogrammen. Darüber hinaus muss die Demokratie­bildung stärker in den Fokus rücken. Dies wird auch in den Interviews kritisch angemerkt:[] ich finde, dass sich da die Schulen, weil sie sicherlich auch wirklich mit schmalen Ressourcen arbeiten müssen,[] aber die Demokratie erzie­len, so sträflich zu vernachlässigen, das geht nicht.(Cas­satta, 2024, S. 14) Eine systematische Erforschung der sub ­jektiven Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen könnte wertvolle Erkenntnisse darüber liefern, wie Ganz­tagsangebote besser an ihre Bedürfnisse angepasst werden können. Ein zentrales Hindernis für die Wirksamkeit dieser Angebo­te bleibt indes die mangelnde Verzahnung von Unterricht und ergänzenden Programmen. Speck(2012) führt diese Problematik auf divergierende Bildungsvorstellungen, un­zureichende Kommunikation sowie fehlende Kooperations ­strukturen zurück. Zusätzlich verstärken Konkurrenzängste und Statusabwertungen, insbesondere gegenüber pädago­gischen Fachkräften, diese Herausforderungen(Speck, 2012, S. 61). Die Analyse veranschaulicht ferner, dass struk ­turelle Faktoren etwa die starke professionsbezogene Trennung zwischen Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten sowie das Fehlen von Ganztagsgremien diese Problematik weiter verschärfen(Speck, 2012, S. 60). Zu ­künftige Forschung sollte daher untersuchen, welche struk­turellen und organisationalen Bedingungen eine effektivere Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften fördern können und welche Modelle einer inte­grativen Ganztagsgestaltung besonders wirksam sind. Dessen ungeachtet besteht ein dringender Forschungsbe­darf zur Wirksamkeit unterschiedlicher Strukturen und Mo­delle des Ganztags in verschiedenen sozialen Kontexten. Ein Vergleich zwischen ländlichen und städtischen Gebie­ten sowie eine dezentral-regional differenzierte Analyse könnten wertvolle Erkenntnisse liefern, insbesondere in Be­zug auf die Anpassungsfähigkeit und Zielgenauigkeit der Ganztagsangebote in unterschiedlichen Sozialräumen. Sol­che Analysen könnten zudem Unterschiede in der Ressour­cenausstattung und im Zugang zu Kooperationspartnern aufzeigen, die für eine gleichwertige Bildungsförderung es­senziell sind. Ein weiteres relevantes Forschungsfeld ist die Rolle multi­professioneller Teams als Schlüsselfaktor für die Qualität von Ganztagsangeboten. Scheuerer(BMFSFJ, 2024, S. 50) hebt hervor, dass Bildungsgerechtigkeit maßgeblich durch Multiprofessionalität und Transprofessionalität gefördert werden kann. In diesem Zusammenhang sollte insbesonde­re untersucht werden, wie Diagnostik, individuelle Förde­rung und die Rhythmisierung im Ganztag durch die Zu­sammenarbeit von Lehrkräften, pädagogischen Fachkräf­ten und externen Partner*innen verbessert werden können. Eine Befragte verweist auf die positiven Entwicklungen in bestehenden Konzepten:Die haben schon viele Kinder­krankheiten einfach inzwischen auch raus, unter anderem solche Konzepte.(Cassatta, 2024, S. 10) Auch die Integration von Sozialraumpartnerschaften er­weist sich als wichtiges Forschungsfeld. Die Frage, wie lokale Akteur*innen etwa Vereine, Jugendhilfeträger oder Kulturinstitutionen in Ganztagskonzepte eingebunden werden können, um Bildungsgerechtigkeit zu fördern, ist bislang kaum systematisch untersucht. Dies schließt die Erforschung struktureller und organisatorischer Rahmenbe­dingungen ein, die eine effektive Zusammenarbeit er­leichtern könnten. Solche Studien könnten praxisnahe Stra­tegien für eine bessere Verzahnung von Schule und Sozi­alraum entwickeln und gezielt die Bildungschancen von Schüler*innen in sozial benachteiligten Kontexten ver ­bessern. Ganztag und Bildungsgerechtigkeit 21