Ressourcenausstattung Die erhobenen Daten zeigen deutlich, dass die Ressourcenausstattung ein wiederkehrendes Hindernis darstellt. Besonders der Mangel an finanziellen Mitteln zur Einstellung von ausreichend qualifiziertem Personal wird kritisch gesehen. Eine Fachkraft beschreibt die Situation exemplarisch: „[…] Und wir konnten das noch leisten, eine zweite pädagogische Fachkraft[in die Klassenzeit] reinzupacken. Das geht nicht. Wir sind eine sogenannte Paragraf-4a-Schule.[…] Das ist Grundschulgesetz, Ganztag und so weiter. Und wir leiden ein Stück weit unter dieser Gruppengröße 25. Weil Gruppengröße 25 überhaupt nicht zur Realität der Schulen passt.“(Caravaggio-Schule, 2024, S. 5) Der Aspekt der Res sourcen wird in allen Interviews gleichermaßen von den Akteur*innen beanstandet und als zentrales Hindernis für eine bedarfsgerechte Gestaltung des Ganztags betrachtet. Kooperation zwischen Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften Die Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften wird durch unterschiedliche Verantwortlichkeiten und Arbeitszeiterfassungsmodelle erschwert. Zudem fehlen häufig geeignete Schnittstellen für fachliche Abstimmungen. Eine Lehrkraft beschreibt die damit verbundenen Herausforderungen folgendermaßen:„Jetzt, dieses Jahr, ist es bei mir ein bisschen anders, jetzt habe ich einige Fachlehrer drin, da ist natürlich mehr Absprache, da muss man gucken, wer ist wann, wer macht was, wer braucht noch was, was man mittags noch macht, das kann man gar nicht so ganz genau sagen, wie man den Tag gestaltet.“(Degas-Schule, 2024, S. 8) Dies führt häufig zu ge trennten AG-Systemen und organisatorischen Hürden, die die pädagogische Qualität beeinträchtigen können. Unzureichende fachliche Förderung Ein häufig angesprochenes Problem ist die Qualität der fachlich-inhaltlichen Betreuung, insbesondere in den Lernzeiten und der Hausaufgabenbetreuung. Diese wird teilweise von unqualifizierten Kräften übernommen, was die Erreichung der Lernziele gefährden kann. Eine Lehrkraft beschreibt die Situation folgendermaßen:„[…] Auch aus Lernsicht können wir in den Lernzeiten, die wir anbieten, die ja die Hausaufgabenzeiten ersetzen oder halt auch nur zusätzliche Übungszeiten sind, haben wir einen, würde ich mal sagen, einen durchschnittlichen Betreuungsspiegel, das heißt eine Person für über 20 Kinder.“(AllegrainSchule, 2024, S. 9) Dies zeigt die Notwendigkeit, Lernzeiten qualitativ zu gestalten und klar zu definieren – insbesondere in Hinblick auf die Förderung fachlich-inhaltlicher Ziele. Dass sich hierbei eine Bildungslücke im Ganztag eröffnet, die dem Anspruch von Bildungsgerechtigkeit nicht gerecht wird, wird durch die Aussage einer weiteren Lehrperson verdeutlicht:„[…] unser Eindruck war, dass wir die Grundbedürfnisse gut erfüllen können mit Mittagessen, wir betreuen, wir bieten Angebote, wo die Kinder sich auch ausleben können, was wir aber nicht schaffen, ist tatsächlich, dass das einfach auch, also PISA-Ergebnisse oder auch mehrere Ergebnisse, gerade so die Basiskompetenzen wirklich zu stärken, schaffen wir einfach nicht. Also da fehlt es tatsächlich auch, also wir sind dran, das zu verbessern, aber da können wir keine mehr Chancengleichheit bieten, das heißt, wenn wir Kinder haben, die zu Hause nicht unterstützt werden im Bereich Lesen oder einfach auch nicht unterstützt werden können,[…] das schaffen wir aktuell nicht, dass wir das so auffangen, dass die Kinder wirklich in dem Bereich Chancengleichheit hätten, wo sie es ja auch ganz dringend bräuchten.“(Allegrain-Schule, 2024, S. 6) In der Wahrnehmung der befragten Akteur*innen wird das Potenzial des Ganztags zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit im Bereich der fachlich-inhaltlichen Unterstützung derzeit nur bedingt oder gar nicht ausgeschöpft. Dies wird insbesondere mit einem Mangel an ausreichend qualifiziertem Personal begründet. Virulentes Bildungsgerechtigkeitsverständnis Die Interviews verdeutlichen, dass es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, wie Bildungsgerechtigkeit im Ganztag umgesetzt werden soll. Ein Lehrer äußert sich dabei eher pessimistisch:„[…] das wäre eigentlich das perfekte Ziel, das man haben könnte, dass alle die gleiche Chance haben und so weitergehen. Aber ich glaube, das findet nicht statt. Und zwar nicht für die Schwachen und nicht für die Starken.“(Degas-Schule, 2024, S. 25) Auch bei der Analyse der Bildungsgerechtigkeitsverständnisse der Befragten zeigt sich ein breites Spektrum – von der Vorstellung gleicher Chancen bis hin zur Bereitstellung von Angeboten. Diese Unklarheit erschwert die gezielte Umsetzung von Maßnahmen und stellt eine zentrale Herausforderung für die Weiterentwicklung von Bildungsgerechtigkeit im Ganztag dar. 4.3 Unterschiede der Standorte Bodenseekreis und Stuttgarter Raum Sozialraumeinbezug Die Herausforderungen im Sozialraumeinbezug unterscheiden sich erheblich zwischen städtischen und ländlichen Regionen. Während Schüler*innen im Stuttgarter Raum von Angeboten wie kostenlosen Fahrten zu Kooperations partner*innen profitieren, fehlen solche Möglichkeiten im ländlichen Bodenseekreis häufig. Trotz dieser Unterschiede bemühen sich die Schulen, schulintern ein möglichst breites Angebot bereitzustellen, um allen Kindern den Zugang zu vielfältigen Aktivitäten zu ermöglichen:„[…] das Angebot so vielfältig wie möglich zu halten, sodass alle Kinder auch mal ihren Interessen nachgehen können oder eben auch Dinge machen können, zu denen sie sonst keine Gelegenheit haben.“(Fontaine-Schule, 2024, S. 5) Ganztag und Bildungsgerechtigkeit 17
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Ganztag und Bildungsgerechtigkeit : Ganztag und dessen Auswirkungen auf Bildungsgerchtigkeit aus der Perspektive von beteiligten Akteuren (GanzBiG) : eine explorative Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung
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